Hinweis: Der folgende Artikel erschien in leicht gekürzter Form auch in "Indien Aktuell", Ausgabe Oktober 2009, Seite 14

 

Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), die Goethe-Institute und das Südasien-Institut der Universität Heidelberg vertreten seit vielen Jahren sehr kontinuierlich die deutsche Wissenschafts- und Kulturpolitik in Indien. Doch momentan betreten neue Akteure die Bühne –  unterstützt von der Initiative „India and Germany - Strategic Partners for Innovation“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Bei einigen besteht ganz einfach Nachholbedarf: So eröffneten die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Alexander von Humboldt-Stiftung 2006 jeweils eine Repräsentanz in Delhi, die Max-Planck-Gesellschaft entsandte 2008 einen Mitarbeiter an die deutsche Botschaft.

Doch es entstehen auch ganz neue Projekte, teilweise mit neuartigen Zielen. Die Freie Universität Berlin eröffnete im Februar 2008 ein Liaison-Office in New Delhi, die Universität Göttingen hat im letzten Jahr in der Automobilstadt Pune ein Kontaktbüro aufgebaut. Dazu kommen laut Informationen der Hochschulrektorenkonferenz 117 deutsch-indische Hochschulkooperationen – darunter auch die Hamburg Media School, die sich mit einem ambitionierten Programm neue Partner in Indien erschlossen hat und mit diesen gemeinsame Studiengänge anbietet und ein Filmfestival organisiert.

Die deutsch-indische Hochschulszene erlebt durch diese Initiativen einen Wandel – es geht nicht mehr nur um Wissenschaftsaustausch und schon gar nicht mehr um Entwicklungshilfe. Stattdessen sind die Ziele der deutschen Hochschulen in Indien vielfältiger geworden. Zum einen wird Indien für wirtschaftsnahe Wissenschaften immer interessanter – für gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte, aber auch als Arbeitsmarkt. Während sich bisher vornehmlich Indologen und regional spezialisierte Wissenschaftler für Indien interessierten, ziehen Betriebswirtschaftler, Ingenieure oder Mediziner nach – und erwägen erstmals eine Karriere in Indien.

Deshalb haben sich auch bei den etablierten Institutionen die Schwerpunkte in den letzten Jahren spürbar verschoben. So wurde die Außenstelle des Südasien-Instituts um ein Liaison-Office des Exzellenzclusters „Asien und Europa“ ergänzt und organisierte in diesem Jahr zum ersten Mal einen Praktikums-Workshop in Delhi, um die Heidelberger Studenten in Zukunft besser für Auslandspraktika nach Indien vermitteln zu können. In naher Zukunft wird die Universität Heidelberg mit einer Vertretung im geplanten deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus  in Delhi vor Ort sein – und ihre Fühler vielleicht noch in ganz andere Richtungen ausstrecken.

Bildungsmarkt Indien: Chance für deutsche Hochschulen?

Indien ist nämlich auch ein sehr interessanter Bildungsmarkt, auf dem sich Dramatisches abspielt. Die indische Regierung möchte die Zahl der Studierenden bis 2012 von 14 auf 21 Millionen erhöhen und plant, 77 neue Universitäten zu gründen. Dazu wurde im aktuellen Fünfjahresplan das Budget für den Hochschulsektor verneunfacht. Aber auch das wird nicht reichen, um die hochgesteckten Ziele zu erreichen. Indien ist auf Unterstützung von außen angewiesen und wirbt offen für public-private-partnerships (PPP) im Bereich der Bildung.

Die deutschen Universitäten fühlen sich von diesem Angebot bisher jedoch nicht angesprochen. Und das, obwohl deutsche Wissenschaftler bereits vor 50 Jahren in einem vergleichbaren Projekt beim Aufbau des renommierten India Institute of Technology in Madras halfen. Es wirkt befremdlich, dass dieses höchst erfolgreiche Beispiel keine Schule gemacht hat und die deutschen Hochschulen die Chance, finanziell einträgliche Dependancen in Indien aufzubauen, nicht wirklich wahrnehmen.

Woran mag das liegen? Vielleicht richtet sich ihr Blick immer noch eher nach innen – auf die eigenen Probleme in Deutschland. Dort wurde zwar 2008 ein Immatrikulationsrekord verzeichnet, niemals zuvor nahmen so viele junge Menschen ein Studium auf. Doch spätestens nach der ersten Generation der G8-Abiturienten, die noch einmal für Studienplatz-Engpässe sorgen wird, werden die geburtenschwachen Jahrgänge genau die umgekehrten Probleme bringen.

Indische Studenten als Lösung demographischer Probleme?

So stellt die FH Lübeck anlässlich ihres erstmals veranstalteten Hanseatic India Colloquium fest: „Indien kann seinem akademischen Nachwuchs auf absehbare Zeit nicht genug Ausbildungsplätze anbieten, die aber in Deutschland bei rückläufigen Geburtenziffern durchaus vorhanden wären.“ Und folgert daraus: „Vor diesem Hintergrund ist das internationale Angebot in der Hansestadt unbedingt zu stärken.“

Angelsächsische Hochschulen handeln schon längst, sind vielleicht auch besser auf den Gedanken von Bildung als Wirtschaftsgut vorbereitet. Christiane Schlottmann vom DAAD berichtet: „Ausländische Hochschulen und Bildungsagenturen fallen zuhauf in Indien ein und überschwemmen den Markt mit Messen, Promotion-Tours und attraktiven Stipendienangeboten.“ Währenddessen sehen sich die deutschen Universitäten zuhause immer noch mit einer öffentlichen Meinung konfrontiert, die ausländische Studenten als Bildungsschmarotzer ansieht.

Doch bald werden auch die deutschen Hochschulen um indische Studenten kämpfen – und sich dabei untereinander, vor allem aber gegen die starke internationale Konkurrenz behaupten müssen. Der Rektor der Universität Köln verkündete kürzlich: „Die Universität zu Köln plant, drei Büros in Delhi, Bangalore und Pondicherry zu eröffnen.“ Und auch die TU München wird sich wohl bald um einen eigenen Standort bemühen.

Das Gerangel um die besten Startpositionen hat begonnen.

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