Aid Al-Ada – das Opfer zum Ende der Pilgerfahrt nach Mekka, eines der wichtigsten muslimischen Feste, wird ab dem 8. Dezember von Muslimen auf der ganzen Welt gefeiert. Drei Tage dauern die Feierlichkeiten, bei denen traditionell durch die Schlachtung eines Lammes an Abrahams Bereitschaft zur Opferung seines Sohnes erinnert wird. In Indien werden solche religiösen Feste gewöhnlich in aller Öffentlichkeit auf der Straße zelebriert. Doch es ist kein günstiger Zeitpunkt, sich jetzt mit einem Freudenfest zum muslimischen Glauben zu bekennen. Die indischen Muslime stehen unter immensem Druck, ein Funke könnte ein Pulverfass an Gewalt entzünden – eine Entwicklung, die Gandhis Prinzip der Gewaltlosigkeit fast vergessen macht.
Etwa 140 Millionen Moslems leben in Indien und werden von der sekulären Verfassung als eine der vielen religiösen Minderheiten in Schutz genommen. Nach den Schrecken der Unabhängigkeit 1948, als Millionen von Moslems und Hindus bei der Abspaltung Pakistans umkamen, war die Durchsetzung dieses Verfassungsprinzips Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben zwischen Hindus und Moslems. Dies gelang erstaunlich gut – Indien galt vielen gar als ein Musterbeispiel einer multi-kulturellen, pluralistischen Gesellschaft.
Diese Zeiten sind leider vorbei. Moslems in Indien werden immer mehr im weltweiten Konflikt zwischen Islam und dem Rest der Welt gefangen. Die Anschläge in Mumbai zeigen vor allem eines: Auf allen Seiten finden sich Akteure, die von einem solchen Krieg der Kulturen profitieren wollen – und ihn dazu ungeachtet der fatalen Folgen heraufbeschwören.
In der Wissenschaft wird die Vorstellung eines einheitlichen Islams als völlig absurd abgetan – doch das stört Politik und Medien nicht. Da wird ein marokkanischer Lebensmittelhändler mit einem türkischen Gelehrten, einer indonesischen Bauersfrau und einem afghanischen Taliban in die gleiche Schublade gesteckt. Dabei gibt es kaum eine Religion, die innerlich so vielfältig, teilweise regelrecht gespalten sei. Dies gilt erst recht in Indien, wo sich der Islam sehr stark an die lokalen Kulturen angepasst hat und beispielsweise Sufis und Derwische wesentlich mehr Einfluss haben als orthodoxe Islam-Interpretationen. Doch durch Druck von außen und die Organisation einer Gegenwehr von innen wird nun eine weltweit verschworene Gemeinschaft erzeugt.
In Indien führt dies zu immensen politischen Problemen. Denn die Lage der Muslime ist prekär, sie werden sozial ausgegrenzt, gehören zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen – und verlieren von Tag zu Tag immer mehr Hoffnung. Das Feindbild eines einheitlichen Islams und dessen Manifestation in der Gestalt Pakistans gibt den radikalen hinduistischen Kräften im Lande ein mächtiges Werkzeug in die Hand, um mit Populismus der übelsten Sorte kräftig für die eigenen Zwecke zu werben und Druck auf die Moslems auszuüben.
Dieser Druck geht auch an Indiens gemäßigter Regierung nicht vorbei – eine Antwort auf die Anschläge wird erwartet. Da hilft es auch nichts, dass die Regierung Pakistans ihr Beileid bekundete und völlige Kooperation bei der Aufklärung der Anschläge versprach. Was dabei nämlich von beiden Seiten verschwiegen wird: Die Terroristen sind für Pakistan ein mindestens ebenso großes Problem wie für Indien. Das zivile Regime hat keinerlei Kontrolle über Militär und Geheimdienst, Anschläge wie der Mord an Benazir Bhutto zerrütten das Land. Hilfe von außen ist nicht zu erwarten – ganz im Gegenteil, zu unterschiedlich sind die Interessen Amerikas, Chinas, Indiens und Pakistans.
Indien wird also keine einfache Antwort finden können – worüber sich die radikalen Hindus am meisten freuen dürften. Sie werden die Wut der Bevölkerung zu steuern wissen. Für die indischen Muslime wird das bedeuten, dass sie ihre Feste in Zukunft wohl noch zurückhaltender feiern müssen – denn sonst muss mit weiteren Massakern wie in Gujarat gerechnet werden. Dort kamen 2002 etwa zweitausend Menschen um – eine genozidartige Reaktion der Hindu-Nationalisten auf einen Angriff von Moslems auf hinduistische Pilger.
Indien ist bisher mit seinen inneren Problemen halbwegs zurechtgekommen. Doch die Verknüpfung externer und interner Probleme stellt eine besondere Herausforderung für die Politik dar. Viel Zeit bleibt nicht – Indien hat es gerade geschafft, aus dem Schatten Chinas heraus zu treten und ausländische Investoren ins Land zu locken. Die Unsicherheit der westlichen Geschäftsleute ist groß – die Anschläge waren explizit auf diese Gruppe gerichtet. Unser Rat an alle, die in Indien geschäftlich unterwegs sind: Versuchen Sie, dieses ohnehin nur oberflächliche Indien der westlichen Fünf-Sterne-Hotels zu meiden – tauchen Sie ein in das echte Indien, auch wenn das vielleicht zu Beginn nicht so komfortabel ist.
Bei einer solchen Annäherung an Land und Leute wird dann eines schnell klar: Auch wenn Indien mit hohem Wirtschaftswachstum lockt – der Alltag des Großteils der Bevölkerung ist immer noch ein einziger Überlebenskampf. Und dabei sitzen eigentlich alle in einem ziemlich lecken Boot, Hindus wie Moslems – anstatt diese Gruppen weiter zu spalten, müssen vertrauensbildende Maßnahmen her, sonst wird es kaum Gelingen, das Boot auf Kurs oder auch nur über Wasser zu halten.
Etwa 140 Millionen Moslems leben in Indien und werden von der sekulären Verfassung als eine der vielen religiösen Minderheiten in Schutz genommen. Nach den Schrecken der Unabhängigkeit 1948, als Millionen von Moslems und Hindus bei der Abspaltung Pakistans umkamen, war die Durchsetzung dieses Verfassungsprinzips Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben zwischen Hindus und Moslems. Dies gelang erstaunlich gut – Indien galt vielen gar als ein Musterbeispiel einer multi-kulturellen, pluralistischen Gesellschaft.
Diese Zeiten sind leider vorbei. Moslems in Indien werden immer mehr im weltweiten Konflikt zwischen Islam und dem Rest der Welt gefangen. Die Anschläge in Mumbai zeigen vor allem eines: Auf allen Seiten finden sich Akteure, die von einem solchen Krieg der Kulturen profitieren wollen – und ihn dazu ungeachtet der fatalen Folgen heraufbeschwören.
In der Wissenschaft wird die Vorstellung eines einheitlichen Islams als völlig absurd abgetan – doch das stört Politik und Medien nicht. Da wird ein marokkanischer Lebensmittelhändler mit einem türkischen Gelehrten, einer indonesischen Bauersfrau und einem afghanischen Taliban in die gleiche Schublade gesteckt. Dabei gibt es kaum eine Religion, die innerlich so vielfältig, teilweise regelrecht gespalten sei. Dies gilt erst recht in Indien, wo sich der Islam sehr stark an die lokalen Kulturen angepasst hat und beispielsweise Sufis und Derwische wesentlich mehr Einfluss haben als orthodoxe Islam-Interpretationen. Doch durch Druck von außen und die Organisation einer Gegenwehr von innen wird nun eine weltweit verschworene Gemeinschaft erzeugt.
In Indien führt dies zu immensen politischen Problemen. Denn die Lage der Muslime ist prekär, sie werden sozial ausgegrenzt, gehören zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen – und verlieren von Tag zu Tag immer mehr Hoffnung. Das Feindbild eines einheitlichen Islams und dessen Manifestation in der Gestalt Pakistans gibt den radikalen hinduistischen Kräften im Lande ein mächtiges Werkzeug in die Hand, um mit Populismus der übelsten Sorte kräftig für die eigenen Zwecke zu werben und Druck auf die Moslems auszuüben.
Dieser Druck geht auch an Indiens gemäßigter Regierung nicht vorbei – eine Antwort auf die Anschläge wird erwartet. Da hilft es auch nichts, dass die Regierung Pakistans ihr Beileid bekundete und völlige Kooperation bei der Aufklärung der Anschläge versprach. Was dabei nämlich von beiden Seiten verschwiegen wird: Die Terroristen sind für Pakistan ein mindestens ebenso großes Problem wie für Indien. Das zivile Regime hat keinerlei Kontrolle über Militär und Geheimdienst, Anschläge wie der Mord an Benazir Bhutto zerrütten das Land. Hilfe von außen ist nicht zu erwarten – ganz im Gegenteil, zu unterschiedlich sind die Interessen Amerikas, Chinas, Indiens und Pakistans.
Indien wird also keine einfache Antwort finden können – worüber sich die radikalen Hindus am meisten freuen dürften. Sie werden die Wut der Bevölkerung zu steuern wissen. Für die indischen Muslime wird das bedeuten, dass sie ihre Feste in Zukunft wohl noch zurückhaltender feiern müssen – denn sonst muss mit weiteren Massakern wie in Gujarat gerechnet werden. Dort kamen 2002 etwa zweitausend Menschen um – eine genozidartige Reaktion der Hindu-Nationalisten auf einen Angriff von Moslems auf hinduistische Pilger.
Indien ist bisher mit seinen inneren Problemen halbwegs zurechtgekommen. Doch die Verknüpfung externer und interner Probleme stellt eine besondere Herausforderung für die Politik dar. Viel Zeit bleibt nicht – Indien hat es gerade geschafft, aus dem Schatten Chinas heraus zu treten und ausländische Investoren ins Land zu locken. Die Unsicherheit der westlichen Geschäftsleute ist groß – die Anschläge waren explizit auf diese Gruppe gerichtet. Unser Rat an alle, die in Indien geschäftlich unterwegs sind: Versuchen Sie, dieses ohnehin nur oberflächliche Indien der westlichen Fünf-Sterne-Hotels zu meiden – tauchen Sie ein in das echte Indien, auch wenn das vielleicht zu Beginn nicht so komfortabel ist.
Bei einer solchen Annäherung an Land und Leute wird dann eines schnell klar: Auch wenn Indien mit hohem Wirtschaftswachstum lockt – der Alltag des Großteils der Bevölkerung ist immer noch ein einziger Überlebenskampf. Und dabei sitzen eigentlich alle in einem ziemlich lecken Boot, Hindus wie Moslems – anstatt diese Gruppen weiter zu spalten, müssen vertrauensbildende Maßnahmen her, sonst wird es kaum Gelingen, das Boot auf Kurs oder auch nur über Wasser zu halten.
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